4. Dat macht man hier so
Dr. Vella hatte ursprünglich nicht vorgehabt, am selben Abend noch in eine Kneipe zu gehen. Das wäre unvernünftig gewesen. Nach einem Diensttag mit erhöhtem sozialem Reibungsanteil empfahl sich Auswertung: Beobachtungen notieren, Kommunikationsstrategie anpassen und weitere öffentliche Missverständnisse vermeiden. Diesen Plan hatte er sogar fast umgesetzt.
Er war nach Hause gegangen, hatte Tasche und Schuhe ordentlich abgestellt und in der halbeingerichteten Küche gestanden. Auf dem Tisch lagen zwei Teller, obwohl er allein war; die Umzugskartons waren falsch beschriftet.
Dinge waren nicht immer dort, wo sie hingehörten. Dafür gab es Systeme. Menschen waren schwieriger.
Er fand weder Tee noch die Kaffeemaschine, dafür eine fremde Stille, die noch nicht wusste, wer er war. Durch das gekippte Fenster kamen Pflastergeräusche, Stimmen und ein Hund, der eher Meldung machte als bellte.
Vella nahm die Verfügung aus der Tasche. Aus dienstlichen Gründen. Er legte sie wieder zurück.
Dann schrieb er in sein Notizbuch: Soziale Integration Gerolstein. Darunter: 1. Nicht vorschnell urteilen. 2. Lokale Kommunikationsformen beobachten. 3. Keine Herablassung signalisieren.
Den dritten Punkt betrachtete er lange.
Er hatte keine Herablassung signalisieren wollen: weder „rückständig“ noch „strukturschwach“, nicht einmal „Provinz“, sondern periphere Schulentwicklungsräume. Sachlich betrachtet war das geradezu höflich gewesen. Gerolstein hatte es nur nicht sachlich betrachtet. Dann schloss Vella das Notizbuch.
Am Nachmittag hatte Frau Klasen beiläufig gesagt: „Wenn Sie Gerolstein kennenlernen wollen, gehen Sie ins Westtorstübchen.“ Kurt hatte ergänzt: „Aber bestellen Sie nix, was einen Schirm braucht.“ Vella hatte nicht gefragt, ob das Warnung, Scherz oder Getränkeordnung war.
Er sah auf seine Liste. Lokale Kommunikationsformen beobachten. Das Westtorstübchen war, streng genommen, eine Beobachtungsgelegenheit.
Er wechselte das Hemd.
Er wählte ein dunkles, schlichtes Hemd, das weder nach Elternsprechtag noch nach Fortbildungsmoderation aussah. Im Spiegel sah er trotzdem aus wie ein Mann, der Unauffälligkeit vorbereitet hatte.
Trotzdem ging er.
Gerolstein war abends kleiner. Warme Fenster gaben dem Ort eine Innenseite, Straßen wurden schmaler, Stimmen trugen weiter.
Vella ging langsam, nicht weil er flanierte, sondern weil er nicht so aussehen wollte, als suche er etwas.
Das Westtorstübchen lag in einem schmalen Haus, dessen Schild nicht neu sein wollte.
Durch die Scheibe sah er Menschen an einem Tresen. Vella blieb einen Moment stehen. Er hätte wieder gehen können. Stattdessen öffnete er die Tür.
Das erste, was ihn traf, war Wärme.
Nicht nur Heizungswärme: Menschen, Bier, Holz, Fett, feuchter Stoff und kalter Rauch aus Kleidern. Links der Tresen, rechts Tische, hinten ein Durchgang zu Toiletten oder Geheimnissen.
Für eine Sekunde wurde es still. Nicht vollständig. Ein Glas wurde abgestellt. Jemand lachte zu Ende. Ein Husten zog sich zurück. Aber die Gespräche nahmen eine andere Form an. Sie wurden dünner, als hätten sie Platz gemacht für ihn.
Hinter dem Tresen stand Dörte. Sie sah Vella an. Nicht neugierig. Nicht freundlich. Nicht unfreundlich. Zuständig.
Vella wusste sofort, dass sie Dörte war, obwohl niemand sie vorgestellt hatte. Es gab Menschen, deren Namen nicht zu ihnen gehörten wie Etiketten, sondern wie Werkzeuge. Dörte war vielleicht Ende vierzig oder Mitte fünfzig; Vella hätte es nicht sagen können. Sie hatte die Unterarme einer Frau, die Fässer bewegte, Pfannen trug, Männer zum Schweigen brachte und trotzdem wusste, wem sie gerade ein Glas nachfüllen musste. Ihr Haar war dunkel, fest zusammengebunden, ihr Blick klar und trocken.
„Nabend“, sagte sie.
„Guten Abend.“
Ein Fehler. „Guten Abend“ war nicht falsch, nur zu vollständig für einen Raum, in dem „Nabend“ bereits ausführlich klang.
Dörte wartete.
„Ich würde gern etwas trinken“, sagte Vella.
„Dat hoff ich.“
Am Tresen bewegte sich ein kleines Lächeln. Gerolstein sparte mit offenen Reaktionen, als müssten sie durch den Winter.
„Was darf es sein?“
Bier wäre naheliegend und sozial anschlussfähig gewesen. Leider mochte Vella Bier nicht besonders. Er mochte trockenen Riesling. Den Fehler erkannte er, während er entstand, und führte ihn trotzdem sauber zu Ende.
„Haben Sie einen trockenen Riesling?“
Dörte sah ihn an, als müsse sie kurz entscheiden, ob er gerade eine Bestellung, eine Provokation oder einen Hilferuf abgegeben hatte.
„Riesling“, sagte sie.
„Wenn möglich trocken.“
„Trocken.“
„Ja, trocken wäre mir lieber.“
„Möglich ist hier vieles“, sagte Dörte. „Sinnvoll weniger.“
Jemand am Tresen lachte. Diesmal hörbar.
Dörte nahm ein Glas, stellte es unter keinen Zapfhahn und griff nach einer Flasche, die irgendwo hinten stand, als habe sie dort auf genau diesen Moment gewartet. Sie schenkte ein, stellte das Glas vor ihn und sah auf seine Hände.
„Neu“, sagte sie. Es war keine Frage.
„Ja. Dr. Vella. Ich unterrichte seit heute am Sankt-Matthias-Gymnasium.“
Ein Mann links von ihm drehte den Kopf, gerade weit genug, dass Vella sehen konnte, wie genau er nicht zuhörte.
„Ah“, sagte der Mann. „Der Doktor.“
Dörte stellte die Flasche weg.
„Hier sind viele krank“, sagte sie. „Aber dat heilt er nicht.“
Diesmal lachten mehrere.
Vella lächelte zu spät und zu höflich, als habe er verstanden, dass ein Witz gefallen war, aber noch nicht, ob mit oder gegen ihn.
„Nein“, sagte er. „Der Titel ist akademisch.“
Dörte hielt inne. Der Mann links von ihm nahm langsam einen Schluck. Vella hörte innerlich eine Tür zufallen.
„Dat beruhigt“, sagte Dörte.
„Ich meinte nur –“
„Hab ich gemerkt.“
Vella schwieg. Am Ende des Tresens saß Kurt, selbstverständlich neben einem Schlüsselbund, und hob zwei Finger.
„Herr Doktor.“
„Herr Pütz, wenn ich Sie formal ansprechen darf.“
„Kurt reicht hier.“
„Natürlich. Vella reicht dann ebenfalls.“
Kurt nickte langsam.
„Mal gucken.“
Vella nahm sein Glas und setzte sich auf den freien Hocker zwischen dem Mann links und einem älteren Herrn rechts, dessen Hände so ruhig auf dem Tresen lagen, als hätten sie seit Jahrzehnten nichts mehr getan, ohne dass der Tresen davon wusste.
Niemand hatte ihn eingeladen. Niemand hatte ihn gehindert. Gerolstein arbeitete mit Zwischenräumen.
„Und?“, fragte der ältere Herr rechts.
Vella wandte sich ihm zu.
„Bitte, wie meinen Sie das?“
„Wie is et?“
„Meinen Sie den Riesling?“
„Ich meine Gerolstein.“
Auf diese Frage war Vella nicht vorbereitet. „Schön“ klang touristisch, „interessant“ anthropologisch, „anders“ wie ein Gutachten mit schlechten Anlagen.
„Eindrucksvoll“, sagte er.
Kurt Pütz verschluckte sich nicht. Das war seine Form von Höflichkeit.
„Eindrucksvoll“, wiederholte der ältere Herr.
„Im Sinne von topografisch und sozial dicht.“
Dörte stellte hinter dem Tresen ein Glas ab. Zu laut.
„Topografisch“, sagte sie.
„Er meint, et geht bergauf“, sagte der Mann links.
„Und bergab“, sagte Kurt.
„Sozial dicht heißt“, sagte der ältere Herr rechts, „wir sitzen nah genug, um jeden Scheiß zu hören.“
Jetzt lachten sie. Vella lachte mit, und diesmal war es fast im richtigen Moment.
„Das ist eine treffende Übersetzung“, sagte er.
„Wir übersetzen hier viel“, sagte Dörte.
Dörte sah dabei nicht ihn an, sondern sein Glas. Der Riesling war in Ordnung; Vella hatte mit Strafe gerechnet.
„Und Schule?“, fragte der Mann links.
Vella erkannte die Falle nicht; er hörte eine sachliche Frage.
„Ich hatte heute erste organisatorische Berührungspunkte. Das Kollegium wirkt gewachsen.“
„Gewachsen“, sagte Kurt.
„Im Sinne von historisch stabil.“
„Also alt“, sagte Dörte.
„Nein. Nicht alt. Etabliert.“
„Alt mit Abitur“, sagte der ältere Herr rechts.
Wieder Gelächter.
Jedes Wort bekam einen kleinen Haken, sobald es Vellas Mund verließ, und der Raum zog daran.
„Ich möchte keinesfalls respektlos erscheinen“, sagte er.
Dörte beugte sich leicht auf den Tresen.
„Herr Vella“, sagte sie.
Sie sagte nicht Doktor. Fortschritt oder Herabstufung.
„Ja, ich höre.“
„Sie müssen hier nicht jedes Wort vorher waschen.“
Der ältere Herr rechts nickte.
„Wird sonst dünn.“
„Ich bemühe mich lediglich, Missverständnisse zu vermeiden.“
„Dat läuft“, sagte Kurt.
„Was?“
„Mit den Missverständnissen.“
Das Lachen war beinahe warm, wie ein Ofen, an dem man sich wärmen oder verbrennen konnte.
Vella zwang sich, nicht zu erklären. Er trank. Eine Weile geschah nichts Schlimmes.
Das Westtorstübchen nahm ihn auf wie ein Stück Holz, das man in den Raum legte, um zu sehen, ob es arbeitete. Namen und Geschichten liefen um ihn herum: ein falsch gedecktes Dach, ein zu früh gemähter Rasen, Hilde und die Sahne, wieder Betrieb am Sankt-Matthias.
Vom hinteren Tisch kamen nur Bruchstücke zu ihm herüber.
„… wenn de merkst, dat se so weit is …“
Ein Stuhl schob über die Dielen. Dörte rief etwas zur Küche. Dann hob dieselbe Stimme sich wieder über den Raum.
„Und dann hab ich natürlich laut Bingo gerufen. Meine Frau war so glücklich.“
Gelächter. Danach ging es um eine kaputte Dachrinne.
Vella verstand den Zusammenhang nicht. Er ordnete das Wort vorläufig unter Vereinsbräuche ein.
Vella wollte lernen. Wer lernen wollte, suchte Regeln – und Gerolstein gab ihm eine.
„Dat mit der Toilette weißte aber?“
Der ältere Herr rechts sagte es in eine Pause hinein. Dörte hörte auf zu wischen, Kurt sah in sein Bier, ein Glas wurde langsamer abgestellt. Vella bemerkte die plötzliche Ordnung und hielt sie für den Hinweis, dass nun etwas Wichtiges kam.
„In der Eifel“, sagte der ältere Herr, „schüttelste nicht.“
Vella blinzelte.
„Wie bitte?“
„Nachm Pinkeln“, sagte der Mann. „Schütteln machen Städter. Hier schlägt man kurz am Porzellan ab.“
Vella sah erst den Mann, dann Dörte an.
Das hätte ihn retten können, doch er kannte ihre Skala noch nicht und hielt die vollkommene Ruhe für Gleichgültigkeit.
„Am Porzellan“, wiederholte er.
„Kurz“, sagte der Mann links, der nun offenbar Teil der Sache war. „Nicht wie’n Glockenschlag.“
„Dat soll ja kein Messdiener hören“, ergänzte der ältere Herr.
Jemand am hinteren Tisch prustete leise.
Dörte sagte: „Jupp.“
Nur das.
Vella wusste nicht, ob sie den Mann, den Unsinn oder beides meinte; in diesem Moment klang es wie Bestätigung.
„Und das machen alle?“, fragte er.
Kurt hob den Blick.
Es war ein kurzer, vielleicht rettender Blick, doch Vella las Blicke wie Fußnoten: zu spät und mit zu viel Vertrauen in den Wortlaut.
„Alle, die hier nicht als Touristen pissen wollen“, sagte der ältere Herr.
Der ältere Herr traf seine verwundbare Stelle. Vella wollte nicht Tourist, Import oder Fortbildungsflyer aus Koblenz bleiben.
Stattdessen nickte er. Nicht viel. Nur genug. Am Tresen wanderte dieses Nicken von Gesicht zu Gesicht. Keine große Bewegung, eher ein leiser Strom. Dörte sah zu ihm hinüber. In ihrem Blick lag etwas, das er später als Warnung erkennen würde. In diesem Moment hielt er es für Gleichgültigkeit.
Ein Fehler. „Verstehe“, sagte Vella.
„Nein“, sagte Kurt leise.
Vella wandte sich zu ihm.
„Bitte?“
Kurt nahm sein Bier. „Noch nicht.“ Das Westtorstübchen lachte nicht sofort. Das war schlimmer. Es ließ den Satz stehen. Er tat es nicht.
Er blieb noch eine halbe Stunde, damit die Toiletteninformation ihn nicht sichtbar irritierte. Unter den wieder aufgenommenen Gesprächen lag nun etwas Erwartendes, wie ein Hund, der den Kopf hebt, weil Brötchenpapier raschelt.
Dann musste Vella auf Toilette. Der Körper war der unzuverlässigste Teil jeder Strategie. Er stellte das Glas ab, legte Geld daneben und wartete den richtigen Moment ab. Zu früh wäre Flucht gewesen. Zu spät wäre auffällig. Er entschied sich für einen Zeitpunkt, an dem Dörte gerade zwei Bier zapfte, Kurt mit dem Mann links über eine defekte Dachrinne sprach und der ältere Herr rechts scheinbar ganz mit seinem Glas beschäftigt war. Scheinbar war ein Gerolsteiner Spezialgebiet.
Vella ging mit möglichst unauffälligen Schritten Richtung Herrentoilette.
Hinter ihm sagte niemand etwas.
Die Herrentoilette war eng, hell gefliest und roch nach Reinigungsmittel, kaltem Rauch und männlicher Selbstgewissheit. Beide Pissoirs waren besetzt. Vella blieb einen Augenblick zu lange stehen; ohne sich umzudrehen, wussten die Männer, dass er wusste, dass sie es wussten. Zurückgehen konnte er nun nicht mehr.
Also nahm er die Kabine.
Er schloss die Tür, drehte den kleinen Riegel und atmete einmal aus. Es war nur Pinkeln. Ein erwachsener, akademisch ausgebildeter Mann sollte in der Lage sein, in einer Kneipentoilette zu pinkeln, ohne daraus ein Kulturproblem zu machen. Bis dahin lief alles sachgerecht.
Dann kam der zweite Teil.
Vor der normalen Toilette erkannte Vella die bauliche Schwierigkeit: Ein Pissoir hing in geeigneter Höhe, eine Schüssel nicht. Doch Gerolstein fragte nicht direkt, Gerolstein wusste einfach, und er wollte nicht erneut durch vermeidbare Unkenntnis auffallen.
Die Kabine war schmal, der alte Spülkasten leicht schief, die sichtbaren Schrauben nur noch dem Anschein nach zuständig.
Der Winkel war falsch.
Vella beugte sich vor.
Noch falscher.
Er setzte eine Hand an die Wand. Die Wand war feuchtkalt. Mit der anderen Hand hielt er sich am Spülkasten fest.
Mit heruntergelassener Hose versuchte ein promovierter Lehrer, eine angebliche Männerregel an einer Toilette umzusetzen, deren Hersteller dafür keinerlei Verantwortung vorgesehen hatte.
Er merkte, dass er zu weit weg war. Er zog sich etwas näher heran. Die Kabine gab wenig Raum her. Sein Knie stieß gegen die Keramik. Sein Schuh rutschte auf einer feuchten Stelle. Reflexhaft verlagerte er Gewicht nach vorn.
Der Spülkasten knirschte.
Vella erstarrte. Draußen rauschte eine Spülung. Einer der Männer am Pissoir lachte über irgendetwas, das nichts mit ihm zu tun hatte. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vella dachte: Sofort zurück. Sein Körper dachte: Festhalten.
Er zog am Spülkasten.
Nicht stark oder absichtlich, sondern mit jener panischen Kraft, die einen Fehler zugleich rückgängig machen und einen Sturz verhindern will.
Die linke Halterung gab nach. Es gab ein trockenes Knacken, dann ein metallisches Kreischen, dann einen Laut, den Vella später nie wieder hören wollte: das kurze, helle Aufbrechen alter Keramik unter ungünstiger Belastung. Der Spülkasten kippte. Vella griff nach. Für einen absurden Augenblick hing er an dem Ding wie an einer sehr schlechten Kletterwand. Dann löste sich ein Schlauch. Wasser schoss heraus. Nicht ein bisschen. Nicht tropfend. Nicht so, dass man mit einem Handtuch und Würde hätte arbeiten können. Es schoss.
Der kalte Strahl traf Hemd, Gesicht und Hose. Wasser schlug gegen Wand und Kabinentür, lief über Fliesen und Schuhe, während Vella sich in der eigenen Hose verfing und gegen die Seitenwand prallte.
Die Toilettenschüssel blieb ungerührt.
„Alles gut da drin?“, rief jemand von draußen. Das empfand er als persönliche Beleidigung. Vella stand in der Kabine, durchnässt, mit einem halbabgerissenen Spülkasten vor sich, der nun endgültig beschlossen hatte, den Raum in einen Nebenarm der Kyll zu verwandeln.
„Ja“, sagte er.
Das Wasser rauschte.
„Klingt aber nicht so.“
An ihm war nichts erklärbar nass; das Hemd klebte, die Hose war kompromittiert, Wasser tropfte aus den Haaren.
Er drehte den kleinen Riegel auf. Die Kabinentür ging nach innen auf und stieß gegen den halb gelösten Spülkasten. Vella musste sich seitlich herauswinden. Das machte es nicht besser.
Die beiden Männer standen inzwischen an den Waschbecken. Einer hielt sich die Hand vor den Mund. Nicht aus Sorge.
„Problem?“, fragte der andere.
Vella richtete sich auf. Wasser lief ihm aus dem Ärmel.
„Ein technisches.“
Der Mann sah an ihm herunter.
„Mitm Porzellan?“
Da verstand Vella nicht alles, aber genug.
Er ging zurück in den Gastraum; die sieben Meter zum Tresen waren die längste Strecke seines Lebens.
Das Westtorstübchen sah ihn kommen.
Gespräche hörten auf, ohne aufzuhören; alle sahen ihn, ohne den Kopf zu drehen. Dörte stand hinter der Theke und wartete.
Nicht überrascht. Vella blieb vor dem Tresen stehen. Wasser tropfte von seinem Hemd auf die Holzdielen. Irgendwo hinter ihm rauschte es weiter.
„Dörte“, sagte er.
Seine Stimme klang ruhig, vielleicht weil die übrigen Gefühle bereits im Wasser standen.
Dörte stellte das Glas ab.
„Papier, Wasser oder Körper?“
Vella schluckte.
„Ich fürchte, es gab auf der Herrentoilette einen kleinen Unfall.“
Am Tresen senkte jemand den Kopf. Dörte sah nicht zu ihm, sondern langsam an ihm vorbei zu der Männerrunde. „Wer von euch Vollidioten“, sagte sie, „hat ihm dat mit dem Abschlagen erzählt?“ Niemand antwortete. Vella stand da, nass bis auf die Haut, während hinter ihm der Spülkasten weiter rauschte, als wolle er die Geschichte selbst noch ein wenig ausschmücken.
Dörte nahm ein Handtuch unter der Theke hervor und warf es ihm zu.
„Hier.“
Er fing es.
„Danke.“
„Nicht für Sie“, sagte Dörte. „Für meinen Boden.“
Zum ersten Mal lachte das Westtorstübchen laut, weder bösartig noch freundlich, sondern irgendwo dazwischen. Gerolstein hatte ihn aufgenommen, indem es ihn vollständig durchnässt hatte; der Mann, der nicht auffallen wollte, stand im Zentrum wie nach einer Taufe durch eine Toilette.
Dörte kam hinter dem Tresen hervor, drückte ihm einen Eimer in die Hand und zeigte auf den Gang.
„Wasser abdrehen können Sie?“
Vella öffnete den Mund, schloss ihn auf Dörtes Hinweis wieder, und Kurt Pütz stand auf.
„Ich komm mit.“
Kurt sagte es weder spöttisch noch mitleidig, sondern praktisch. Für einen Moment war Vella so dankbar, dass es ihm peinlicher wurde als das Wasser. Kurt schob ihn beiseite und drehte ein Ventil zu, das direkt vor Vella gelegen hatte.
Das Rauschen hörte auf.
In der plötzlichen Stille war das Tropfen lauter. Kurt sah den Schaden an. „Alt“, sagte er. Vella nickte sofort.
„Ja. Das Material war offensichtlich vorgeschädigt. Ich möchte dennoch ausdrücklich festhalten, dass ich die Verantwortung für den unmittelbaren Auslöser übernehme.“
Kurt drehte langsam den Kopf. „Sie stehen mit nasser Hose in Dörtes Klo und wollen Protokoll führen.“ Vella sagte nichts. „Gut“, sagte Kurt. „Lernfähig.“
Zurück im Gastraum hatte Dörte bereits zwei Handtücher auf den Boden geworfen und einem der Männer einen Wischmopp in die Hand gedrückt. Nicht Vella. Dem älteren Herrn rechts.
„Jupp, du wischst.“
„Ich hab nix gemacht.“
„Du hast geredet.“
„Reden is noch kein Wasserschaden.“
„Heute schon.“
Jupp nahm den Wischmopp.
Nun lachte das Westtorstübchen auch über ihn. Gerolstein mochte keine Schieflage, die zu lange in eine Richtung kippte; wer die Falle stellte, musste wenigstens aufwischen.
Dörte stellte Vella ein Glas Wasser hin.
„Trinken.“
„Ich glaube, ich hatte genug Wasser.“
Es wurde still. Dann lachte Kurt. Nur kurz. Ein trockenes Aufbrechen. Dörte sah Vella an, und für einen winzigen Moment war in ihrem Blick etwas anderes als Zuständigkeit. Nicht Zuneigung. Dafür war es viel zu früh. Eher die Feststellung, dass der Mann, nass, gedemütigt und tropfend, immerhin nicht völlig tot war. „Geht doch“, sagte sie.
Vella setzte sich nicht wieder auf den Hocker. Das wäre zu viel Würde gewesen. Er blieb stehen, das Handtuch um die Schultern, die Schuhe quietschend auf den Dielen.
„Ich werde selbstverständlich für den Schaden aufkommen“, sagte er.
„Selbstverständlich“, sagte Dörte.
„Und mich entschuldigen.“
„Tun Sie gerade.“
„Ich meine angemessen.“
„Herr Vella.“
Er sah sie an.
„Manchmal is angemessen, wenn einer nass ist und die Klappe hält.“
Nicht hart. Präzise. Er nickte nicht. Er hatte heute schon zu viel genickt. Also hielt er die Klappe.
Eine Weile wurde gewischt. Jupp murrte, Kurt holte Werkzeug, Dörte stellte Schilder auf, die niemanden hinderten, aber Ordnung behaupteten. Am hinteren Tisch wuchs bereits eine Version, in der Vella mit dem Spülkasten gerungen hatte wie Jakob mit dem Engel.
„Keine Bibel draus machen“, sagte sie.
„War doch Taufe“, sagte jemand.
„Dann bist du der Pate und zahlst die erste Runde“, sagte Dörte.
Gläser wurden gehoben: auf den Doktor, aufs Porzellan. Vella wollte verschwinden, widersprechen oder sterben. Er tat nichts davon. Er blieb, nicht aus Souveränität, sondern aus Erschöpfung.
Als er später ging, gab Dörte ihm eine Plastiktüte für die nasse Jacke und eine Rechnung ohne Betrag.
„Ich melde mich“, sagte sie.
„Natürlich.“
„Und Herr Vella?“
„Ja, Dörte?“
„Wenn Ihnen morgen einer erklärt, bei uns schläft man im Dienstzimmer im Stehen, fragen Sie erst Frau Klasen.“
Kurt, der neben der Tür stand, sagte: „Oder mich.“
Jupp hob den Wischmopp.
„Oder mich.“
„Dich zuletzt“, sagte Dörte.
Vella trat hinaus in die kühle Nacht. Hinter ihm lag das Westtorstübchen wieder in Licht und Stimmen, nicht wie ein Skandal, eher wie ein neues Kapitel in einer laufenden Chronik. Unter dem Schild atmete er Luft, die nach Regen, Stein und Bier roch, und dachte an Dörtes „Geht doch“. Vielleicht war es nicht nur Spott, vielleicht auch kein Ausschluss.
Vella ging nass, beschämt und mit der ersten echten Gerolsteiner Regel in den Knochen nach Hause. Dat macht man hier so. Er verstand sie noch nicht. Aber sie hatte begonnen, ihn zu verstehen.